Touren

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„Du spinnst!“, war meistens der Kommentar von Freunden und Bekannten als ich ihnen von meiner geplanten Reise mit dem Fahrrad entlang der Seidenstrasse erzählte. Für ein solches Projekt braucht es bestimmt ein wenig Optimismus. Das schwierigste insgesamt war der Schritt über die Türschwelle am Tag meiner Abreise Ende März 2011. Mein Ziel: immer nach Osten bis ins Reich der Mitte. Bereits Marco Polo reiste angeblich vor über 800 Jahren auf dieser historischen Strasse. Auf ihr gelangten nicht nur Kaufleute, Gelehrte und Armeen, sondern auch Ideen, Religionen und ganze Kulturen von Ost nach West und umgekehrt. Die Seidenstrasse bestand aus einem ganzen Netz von Karawanenstrassen, dessen Hauptroute das Mittelmeer mit Ostasien verband. Das Buch „Abenteuer Seidenstrasse“ von Bruno Baumann war der Auslöser um diesen Traum umzusetzen. Deshalb freute es mich ausserordentlich, als ich 2 Monate vor meiner Abreise einen Vortrag von Bruno besuchen konnte und anschliessend er mir noch wichtige Ideen mit auf den Weg gab.

Um möglichst schnell in den Orient zu gelangen fuhr ich zuerst über den Schwarzwald bis an die Donauquelle und dann immer diesem majestätischen Fluss entlang.
Bereits in Österreich begegnete ich meinem ersten Weggefährten. Zusammen mit Tom Bruce aus Manchester (www.tombrucecycling.com) radelte ich durch die Slowakei, Ungarn, Serbien, Rumänien, Bulgarien und Türkei bis nach Istanbul.

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Dort trennten sich unsere Wege. Tom fuhr in nördliche Richtung und ich setzte mit der Fähre auf den asiatischen Kontinent über Richtung Süden, wobei ich einen kurzen Abstecher nach Kapadokien machte. Göreme gilt als das Zentrum Kappadokiens, der dort befindliche einzigartige Komplex aus Felsformationen wurde von der Unesco 1985 zum Weltkulturerbe ernannt.

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Bereits im kurdischen Teil der Türkei bekam ich die arabische Gastfreundschaft zu spüren. Hätte ich jede Tee Einladung (türkisch: Çay) angenommen, die mir die Kurden anboten, wäre ich wahrscheinlich für immer dort geblieben.

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Kurz nach Dyarbakir entdeckte ich zwei kleine Punkte am Horizont. Chantal und Patrick (http://lalibertederrance.blogspot.com) aus der Romandie waren zufällig auch Richtung Iran unterwegs. Wir erlebten zwei spannende und erlebnisreiche Wochen zusammen bis sich unsere Wege in Orumieh (Iran) wieder trennten.

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Meine Sympathie für die Kurden war mittlerweile dermassen gross, dass ich unbedingt noch die kurdische Bevölkerung im Iran kennenlernen wollte und fuhr deshalb entlang der irakischen Grenzen bis nach Hamedan. Schlussendlich taufte ich sogar, aus tiefster Dankbarkeit und Solidarität für die grosszügige Gastfreundschaft der kurdischen Bevölkerung, mein Fahrrad auf den Namen „Kurd“. Ausser im Irak (einzige autonome Region) lebt diese Volksgruppe zersplittert in der Türkei, Syrien und Iran. Sie kämpfen bereits seit Jahrzehnten um die Anerkennung für ein autonomes Leben im jeweiligen Land. „Inchallah“ (arabisch: „so Allah will“) wird ihnen das vielleicht eines Tages gelingen.

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Bereits am Anfang der ersten Wüste auf meiner Reise (Dasht-e Khavir Wüste) bekam ich die Hitze mit voller Wucht zu spüren. Ende Juni herrschten in Zentraliran Temperaturen um die 50 Grad Celsius. Die Stadt Isfahan stellt bei den Persern das Zentrum der Welt dar. Wer die alten und kunstvoll gebauten Brücken, Paläste und Moscheen mit ihren Minaretten einmal selbst gesehen hat, kann dieser Behauptung nur zustimmen.

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Nach vielen eindrücklichen Erlebnissen verliess ich Ende Juli in Begleitung von Adam Glover aus Neuseeland das persische Reich. Da man für Turkmenistan maximal nur ein 5 Tage Transitvisa erhält, blieb uns nichts anderes übrig, als in der brütenden Hitze mächtig in die Pedalen zu treten. Die sagenumwobenen Städte in Usbekistan (Samarkand und Buchara) liessen alle Träume aus Tausend und einer Nacht wahr werden.

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Einer der prägendsten Begegnungen auf meiner gesamten Reise hatte ich ebenfalls dort. Zusammen mit der Nomadbikefamily aus Genf (www.nomadbikefamily.org) durfte ich zwei Wochen lang unterwegs sein. Neben ihrer Leistung kam ich mir ziemlich lächerlich vor.

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In Tadschikistan folgte ein Highlight nach dem Anderen. In den Fan Mountains begleitete ich die österreichischen Slowbikers Nora und Roman auf eine Trekking Tour durch die Fan Mountains (www.slowbikers.at). Wegen einem diplomatischen Streit zwischen Usbekistan und Tadschikistan wurde kurzerhand die Grenze zwischen Samarkand und Pendschikent geschlossen. So kam uns der Umweg via Khujand gelegen um diese Tour zu unternehmen. Landschaftlich war dies bestimmt etwas vom schönsten auf meiner ganzen Reise.

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Bereits in Dushanbe trennten wir uns wieder. Mit Talon aus Bristol nahm ich das Wakkhan Tal in Angriff. Der Grenzkorridor zwischen Tadschikistan und Afghanistan bildet nicht nur auf der politischen Karte eine Grenze. Im „afghanischen Finger“, wie das Tal auch genannt wird, stossen das Pamir- und Hindukusch Gebirge aufeinander. Die arabische Gastfreundschaft war auch hier überwältigend. Beim Versuch im Dorf ein Brot zu kaufen, wurden wir gleich zum Essen eingeladen und bekamen am Schluss noch einen Sack Kartoffeln und zwei Brote geschenkt. So etwas habe ich in Europa nie erlebt.

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In Kirgistan war eigentlich nur ein kurzer Aufenthalt geplant. Jedoch hatten die chinesischen Behörden entschlossen aufgrund ihres Nationalfeiertages die Grenze für 10 Tage zu schliessen. So blieb uns nichts anderes übrig, als nach Osh zu fahren und dort ein wenig zu verweilen. Mitte Oktober erreichten wir dann endlich die legendäre Stadt Kashgar in China. In dem ersten nachchristlichen Jahrhundert war Kaxgar Zentrum eines mächtigen Reiches, das große Teile des westlichen Tarim-Beckens sowie wohl auch Gebiete westlich des Pamir-Gebirges beherrschte. Im Juli 2009 wurde bekannt, dass die chinesischen Behörden große Teile der Altstadt von Kashgar-Stadt abreißen wollen. Leider hat die Stadt viel von ihrem ursprünglichen Charakter verloren. Die kommunistische Regierung Chinas versucht seit Jahren die Uiguren zu unterdrücken. Aus angeblichen Sicherheitsgründen zerstört sie suggestive die Altstadt und versucht immer mehr Han Chinesen dort anzusiedeln. Jährlich sterben in der Xinjiang Provinz bei Konflikten zwischen Uiguren und den Behörden viele Menschen. Dies wird von der Weltöffentlichkeit kaum beachtet und die kommunistische Partei setzt alles daran die Vorfälle, genau wie in Tibet, zu vertuschen. Mao wollte die Han Chinesen bevorzugen. Bis heute wird mit grossen Anstrengungen versucht diese Volksgruppe zu bevorzugen und alle anderen 52 Minoritäten möglichst links liegen zu lassen.

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Zusammen mit Tim und Andi aus der Schweiz (www.rollendeschwestern.blogspot.com) durchquerte ich auf der Südroute die Taklamakan Wüste. Die milden Temperaturen im Oktober waren ideal zum Radfahren und einige Mahle durften wir inmitten von wunderschönen Wüstenlandschaften kampieren.

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Spätestens auf dem tibetischen Hochplateau holte uns der Winter wieder ein. Weiter Nordwärts, am Rande der Gobi Wüste in der Gansu Provinz, besuchten wir Jenny. Sie unterrichtet an einer Schule Englisch. Wir durften während einer Woche unsere Reise vor mehreren Klassen vortragen. Für die Schüler wie für uns war dies ein tolles Erlebnis. Zum Dank lud uns die Schulleitung zu einem Bankett ein. Ein Radnomade hat immer Hunger und sein ganzes Denken dreht sich jeden Tag ums Essen. Bei einem chinesischen Bankett kommt man voll auf seine Kosten. Der Gastgeber muss immer mehr auftischen als der Gast essen kann. Keine leichte Aufgabe bei hungrigen Mäulern wie uns. Am Ende mussten wir uns jedoch geschlagen geben.

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Für mich wurde es im Norden Chinas langsam zu kalt. So stieg ich kurzentschlossen in Jiayuguan in den Zug und fuhr in 49 Stunden quer durch ganz China bis nach Hong Kong. Dort besuchte mich meine Familie um gemeinsam mit mir die Festtage zu verbringen. Hong Kong hat die selbe Bevölkerungszahl wie die Schweiz (ca. 7 Millionen Einwohner), ist Flächenmässig jedoch um einiges kleiner. Zwangsläufig wurde in der ehemaligen britischen Kolonie immer mehr in die Höhe gebaut. Dadurch ist ein wahrer Hochhaus Dschungel entstanden.

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Nach dieser schönen Zeit mit meiner Familie hiess es wieder Abschied nehmen und weiter ging die Fahrt Richtung Südostasien. In Vietnam machte ich zuerst einen Abstecher nach Hanoi und besuchte dort die Nomadbikefamily. Auch in Hanoi herrschten relativ winterliche Temperaturen. So radelte ich wenig später nach Laos, wo mich das tropische Klima mit voller Wucht empfing. Kurz vor der Hauptstadt Vientiane traf ich auf Tom und Petra aus Bern (www.rollolafs.blogspot.com). Ich durfte zwei schöne Radtage mit ihnen erleben. Den Norden Thailands durchquerte ich ziemlich schnell. In Bangkok besuchte mich mein Onkel Daniel. Zusammen besuchten wir in Kanchanaburi den Tiger Tempel. Auch der Wat Pho In Bangkok (liegender Buddha) war ein eindrückliches Erlebnis.

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Mit grossen Erwartungen zog es mich weiter nach Kambodscha. In Siem Reap fand ich das ideale Basislager für die Erkundung von Angkor. Die weltweit grösste, religiöse Tempelanlage zog mich für 6 Tage in ihren Bann. Sie ist das Nationalsymbol der Khmer. Obwohl eigentlich nur noch Bruchstücke der ehemaligen Anlagen vorhanden sind ist man immer wieder sprachlos.

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Zwischendrin besuchte ich Adam, meinen ehemaligen Reisegefährten, in Battambang um eine abenteuerliche Fahrt auf dem Bambus Zug zu erleben.

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Bis zur Hauptstadt Phnom Penh hatte ich die Gelegenheit in einigen buddhistischen Klosteranlagen zu übernachten. Die Mönche nahmen mich jedesmal bei sich auf. In Phnom Penh besuchte ich das Staatsgefängnis S21 und die Killing Fields. Dem Genozid der Roten Khmer fielen von 1975- 1979 über 3 Millionen Menschen zum Opfer.

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Die anschliessende Fahrt dem Mekkong Fluss entlang war geprägt vom Landleben der kambodschanischen Bevölkerung. Ausser ein paar Ochsenwagen und Schulkindern mit ihren Fahrrädern trifft man kaum auf Verkehr. In Laos besuchte mich meine Mutter um mit mir Luang Prabang zu besuchen. 1995 wurde Luang Prabang zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt. 32 buddhistische Klöster sowie die gesamte französische Kolonialarchitektur in der Stadt wurden unter Denkmalschutz gestellt und seitdem restauriert.

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In Hanoi besuchte ich erneut die Nomadbikefamily. Patrick und Leeroy begleiteten mich am Ende für ein paar Tage durch die wunderschöne Berglandschaft Nordvietnams. Prompt lud uns eine Familie in ihr Haus ein und Tags darauf wanderten wir mit unserem Gastgeber in ein Bergdorf der „Muong“ Bevölkerung. Ihre traditionellen Kleider und Lebensweise als Naturvolk faszinierten mich sehr.

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Wieder zurück in China wechselte auch das tropische Klima, was das Radfahren um einiges angenehmer machte. China ist ein gewaltig grosses Reich, dass für Radfahrer enorm viel zu bieten hat. Beijing (Peking) hiess meine Zielstadt. Auf dem Weg dorthin bekam ich vom Sattel aus erneut einen Einblick in den chinesischen Alltag. Zum fünften Mal besuchte mich meine Mutter und zusammen starteten wir eine 3 wöchige Rundtour, die uns von Beijing via Datong bis nach Huangzhou führte. Besonders die Yunnan Grotten in Datong fand ich ziemlich imposant.

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Die kapitalistische und rücksichtslose Einstellung des chinesischen Machtapparates setzte uns gegen Schluss ziemlich zu.
Mit dem Flugzeug reisten wir in 31 Stunden von China aus zurück auf den europäischen Kontinent nach Berlin.
In Berlin fühlte ich mich völlig fremd. Nach dieser Reise ist mir unsere leistungsorientierte Gesellschaft manchmal einfach ein wenig suspekt. Zuerst zog es mich nach Lutherstadt Eisleben. Dem Geburtsort von Martin Luther (1483-1546) und anschliessend der Weser entlang bis nach Bantorf. Dort durfte ich ein paar erholsame Tage bei Silke und Steffen verbringen. Wenige hundert Kilometer später mündet die Weser bei Bremerhaven in die Nordsee. Dem UNESCO Weltnaturerbe Wattenmeer entlang führte die Reise durch das Friesland bis Nord Holland. Zum Schutz vor Springfluten stehen bis zu 7m hohe Schutzdämme an der Küste. Obwohl das ganze Land relativ flach ist, wird man als Radfahrer permanent gefordert. Der Wind ersetzt die Steigung. Landschaftlich lässt sich die Fahrt entlang der Nordsee in 4 Stichworten beschreiben: Meer, Damm, Schafe, Flachland.

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In Tillburg (Holland), kurz vor der belgischen Grenze, beherbergte mich Paul bei sich. Wir hatten uns in Istanbul kennen gelernt. Er begleitete mich über die Grenze. Schon wenig später traf ich weitere ehemalige Reisegefährten. Mit Tim und Tine war ich durch die Dasht-e Khavir Wüste im Iran gereist.

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Einen letzten technischen Defekt erlebte ich bei meiner Rückreise nach Holland, als die Radnabe am Hinterrad das Zeitliche segnete. Mit leichter Verspätung traf ich kurz darauf Otto. Er begleitete mich eine Woche lang durch Holland und Deutschland und brachte mir die holländische Küche und Kultur näher. Dabei legten wir in Aachen auch einen kurzen Besuch bei Philip ein, dem ich drei mal (Iran, Usbekistan und Kambodscha) auf der Reise begegnet war.

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In Mainz trennten sich unsere Wege wieder. Dort beherbergte mich Michael, ein Motorradfahrer den ich im Iran kennen lernte, für zwei Tage. Der Nationalsozialismus konnte in Mainz zunächst nicht Fuß fassen. Noch zur Machtergreifung am 30. Januar 1933 demonstrierten mehr Menschen gegen das neue System als dafür. Dennoch wurden die 3000 Mitglieder umfassende jüdische Gemeinde von Mainz fast vollständig deportiert. Die Stadt blieb vom Zweiten Weltkrieg bis 1942 verschont. Die ersten schwereren Bombenangriffe steigerten sich zum schlimmsten Angriff am 27. Februar 1945, als Mainz durch britische Bomber fast völlig zerstört wurde und ca. 1200 Menschen getötet wurden. Am Ende des Krieges war die Stadt zu 80 % zerstört.

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Die letzten vier Wochen der Reise führten mich via Schwarzwald kreuz und quer durch die Schweiz. Die Pässe in den Alpen kamen mir auf einmal lächerlich klein vor verglichen zu den Steigungen in Zentralasien. Unterwegs konnte ich viele Freunde besuchen und mir vor Augen führen, in was für einem privilegiertem Land ich leben darf. Am 29. September 2012, genau 18 Monate nach meiner Abreise, radelte ich wieder in Wettingen ein, wo ich von meiner Familie empfangen wurde.

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Highlights habe ich auf der Seidenstrasse viele erlebt. Mir wird vor allem die Gastfreundschaft im Iran, die Landschaft in Tadschikistan und die Lebensfreude der Menschen in Kambodscha in grosser Erinnerung bleiben. Auch möchte ich mich an dieser Stelle bei Allen bedanken, die mich unterstützt haben meinen Traum zu verwirklichen.
Das Reisefieber hat mich stark infiziert. Momentan befinde ich mich in der Planung der nächsten Reise und kann es kaum erwarten, wieder in den Sattel zu steigen.

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