Schattensüchtig

Posted in: Asien Deutsch Dez 14 2017

Schlagartig musste ich bei der Ankunft in Bangkok feststellen, dass es von nun an vorbei sein würde mit Velowegen. Am Verkehrschaos hier in der Hauptstadt hat sich seit meinem letzten Besuch vor 5 Jahren nicht viel geändert.

Mein Wunsch nach wärmeren Temperaturen wurde nicht nur erfüllt sondern gleich mehrfach übertroffen. Die tropische Hitze schnürte mir fast den Atem ab, als ich aus dem klimatisierten Flughafen trat.

Etwas ausserhalb vom Stadtzentrum, in Bang Kapi, fand ich ein Hostel speziell für Veloreisende gemacht, welches sogar eine eigene Werkstatt hat. Geführt wird es von einem jungen Pärchen, die ebenfalls ambitionierte Velofahrer sind (www.spinningbearhostel.com).

Mir gefiel das Hostel so gut, dass ich gleich 10 Tage dort verbrachte. Dies gab mir ein wenig Zeit zum akklimatisieren und planen. Schwer beladen fuhr ich dann los zur Kambodschanischen Grenze.

Die Infrastruktur hier in Thailand hat sich definitiv verbessert in den letzten Jahren. Meistens stellte ich mein Zelt in einer Gummibaumplantage auf. Die Besitzer schenkten mir dabei oft ein Lächeln, wenn sie mich sahen.

Heute liegt Thailand aufgrund des günstigen Klimas und seines fruchtbaren Bodens mit großem Abstand auf Platz 1 bei der Produktion und dem Export von Kautschuk weltweit (über 3 Milliarden Tonnen Kautschuk pro Jahr).

Obwohl man Kautschuk heute auch synthetisch herstellen kann, wurde in den letzten Jahren wieder vermehrt auf Naturkautschuk zurückgegriffen – die Rohstoffpreise für das synthetische Kautschuk sind mittlerweile einfach zu hoch.

Bewusst wählte ich eine Route abseits der verkehrsreichen Hauptstrassen. Auch hier gibt es zwar immer noch viel Verkehr aber wenigstens nicht ganz so viele Lastwagen, was das Radeln einiges angenehmer macht.

Nach 4 Tagen erreichte ich den Grenzübergang Prom nach Kambodscha. Die Formalitäten am Zoll dauerten zwar eine Weile aber immerhin bekam ich ein 30 Tage Visa und erlebte dabei noch eine positive Überraschung:

Anne und Pierre mit ihrer 9 Monate alten Tochter Maely kamen ebenfalls zum selben Zeitpunkt wie ich am Grenzposten an. Anne und Pierre sind im April 2015 von Frankreich aus mit ihrem Tandem los geradelt. Anfang 2017 erblickte Maely in Nepal dann das Licht der Welt (www.curieuses-echappees.blogspot.com).

Seither haben sich einige Dinge in ihrem Reisealltag verändert. Das Tandem wurde zu einem <Babyfreundlichen> Gefährt umgewandelt, welches Pierre steuert und für Anne gab es in Malaysia ein eigenes Velo.

Wir radelten gemeinsam nach Pailin, wo wir unsere erste Nacht in Kambodscha in einem Buddhistischen Tempel verbrachten. Die Mönche schenkten uns sogar noch eine ganze Menge Wasser zum Abschied.

Am nächsten Morgen fuhren wir gemeinsam bis nach Treng. Anne und Pierre lieben ebenfalls die Berge. Sie wollten so schnell wie möglich ins Kardamom Gebirge (Chuor Phnom Krâvanh). Ich plante jedoch vorher noch ein Vietnam Visa in Battambang zu besorgen.

So trennten wir uns schon bald und ich zog alleine weiter. Leider gefiel es mir in Battambang überhaupt nicht als ich dort ankam. Deshalb flüchtete ich in einen Tempel und begrub mein Vietnam Visa Projekt sogleich wieder.

Selbst in der Nacht fallen die Temperaturen kaum unterhalb 30° C hier in Südostasien. Tagsüber wird es schon ziemlich bald einmal 38° C warm. Die frühen Morgenstunden fand ich am angenehmsten zum radeln und stand deshalb bereits schon um 5:30 Uhr auf, eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang.

Der Verkehr auf dem National Highway Nummer 5 erinnerte mich schon fast an Indien. Deshalb war ich ziemlich froh, als ich in Pursat dann endlich in das Kardamom Gebirge abzweigen konnte. Bis Veal Veaeng war die Strasse noch asphaltiert. Danach wurden die Strassen zu regelrechten Staub- und Schlammpisten.

Glücklicherweise hatte ich in Afrika ja schon einiges an Erfahrung mit solchen Strassen sammeln können und war deshalb nicht so überrascht. Der Wald des Kardamom Gebirges ist einer der letzten intakten Regenwaldgebiete Südostasiens.

Einige Male musste ich absteigen und Dusty (mein Velo) die steilen Berghänge hoch schieben. Meistens übernachtete ich gleich neben der Strasse ein wenig im Busch versteckt. Ein Insekt hatte riesige Freude an meinem Besuch im Regenwald: die Bienen.

Die Viecher trieben mich schier zum Wahnsinn. Am Morgen half meistens nur die Flucht mit dem Velo um die Nervensägen abzuschütteln. Psychoterror pur! Im Gegenzug wurde ich dafür mit einem wunderschönen Regenwald belohnt.

Kaum Verkehr, viel Natur und permanent Tiergeräusche. Diese Orte sind Balsam für die Seele. Leider gibt es davon nicht mehr viele auf unserem Planeten. Die Hitze machte mir ziemlich zu schaffen. Schliesslich hatte ich vor 3 Wochen noch bei -5° C in Südkorea im Zelt übernachtet.

Mein Tagesmotto konzentrierte sich deshalb auf zwei Dinge: Trinkwasser und Schatten. Fast 8 Liter Wasser benötigte ich durch die hohe Luftfeuchtigkeit und jedes einzelne Stück Schatten war ein Segen für mich. Gibt es ein Mittel gegen Schatten Sucht?

In Osoam zweigte ich in südliche Richtung nach Koh Kong ab. Meine gewählte Route war auf keiner Karte so richtig eingezeichnet und da ich ohne Smartphone reise musste ich meistens die Einheimischen nach dem Weg fragen. Was ich bevorzuge, so kommt man auch schneller mit den Menschen in Kontakt.

Der Regenwald des Kardamomgebirges ist unter anderem Lebensraum Indochinesischer Tiger und des kleineren Malaysia-Tiger, des Nebelparder, des Siam-Krokodils, des Malaienbären und des Kappengibbon. In den Wäldern des Gebirges leben außerdem mehr als 250 Vogelarten.

Leider wurde durch die Hilfe Chinas ein grosses Staudammprojekt in den letzten Jahren realisiert. Diese Eingriffe haben einen wichtigen Lebensraum bedrohter Tierarten überflutet. Auf der 120 Kilometer langen Strecke von Osoam nach Koh Kong kam ich an 4 solcher Staudämme vorbei.

Diese Betonmonster in einem der letzten Intakten Regenwälder Südostasiens anzutreffen ist enorm deprimierend. Das sensible und artenreiche Ökosystem des Kardamom Gebirges wird eventuell durch einen geplanten, bis zu 20.000 Hektar großen, Titan-Tagebau zusätzlich gefährdet.

In Koh Kong war ich enorm froh endlich wieder einmal meinen Lebensmittelvorrat aufstocken zu können. Für Vegetarier ist es nicht ganz einfach immer etwas essbares zu finden. 

Eigentlich freute ich mich auf eine flache Strecke nach den vielen Bergen. Die Route 48 von Koh Kong nach Sre Ambel hat es jedoch ganz schön in sich. Wenigstens sind die vielen Steigungen geteert, sodass ich fast alles fahren konnte.

Unterwegs begegnete ich einigen Velofahrern. Zu Wissen, nicht der einzige Idiot zu sein, der bei solcher Hitze diese steilen Strassen hochradelt ermutigte mich sehr. Meistens unterhielten wir uns eine Weile und flüchteten danach in unterschiedliche Richtungen vor der Sonne.

In Sre Ambel zweigte ich dann auf den National Highway Nummer 4 ab. Die Velofahrer denen ich begegnete warnten mich vor dieser Strasse. Praktisch der gesamte Schwerverkehr zwischen Shianoukville und Phnom Penh fährt hier durch.

Das grosse Problem an der ganzen Geschichte ist die enge Strasse. Der Asphaltstreifen bietet gerade mal genügend Platz, damit sich zwei Lastwagen kreuzen können. Wenigstens gibt es auf beiden Seiten einen Schotterstreifen.

Mit der Hitze steigt meistens auch das Temperament der Fahrer. Die Überholmanöver wurden im Tagesverlauf immer waghalsiger. Nicht gerade mein Geschmack. Der Abschnitt zwischen Sre Ambel und Kampong Speu taufte ich <Highway to Hell> und würde ihn keinem Velofahrer empfehlen.

So radelte ich die letzen 150 Kilometer meiner Etappe praktisch mehrheitlich auf dem Schotter. Nach 14 Tagen erreichte ich dann endlich Phnom Penh. Die Hauptstadt des Landes hat mir noch nie besonders gut gefallen.

Nach 2 Wochen im Sattel interessierte mich jedoch nur eines: eine erfrischende Dusche. Hier in Phnom Penh muss ich nun mein Visa verlängern. Dies dauert über eine Woche. Die Kambodschanischen Behörden scheinen nicht gerade die schnellsten zu sein.

Ganz besonders freue ich mich auf den Besuch meiner Mutter Mitte Dezember, um ihr dieses tolle und enorm interessante Land zeigen zu können.