Iran Teil 1, Orumiyeh- Kashan

Posted in: Asien Deutsch Aug 3 2011

Bereits beim Geldwechsel in Orumiyeh bekam ich den ersten Schock. 1 Euro entspricht dem aktuellen Wechselkurs von 16’840 Iranischen Rials. Wenn man also 200 Euro umtauscht, gibt das ganz viele Banknoten! Da fühlt man sich schon beinahe wie ein Millionär. Beim Einkaufen, Busfahren und auch sonst sprechen die Iraner nicht von Rials sondern in Tomans. Ein Toman entspricht 10 Rials. Fragt man zum Beispiel einen Verkäufer auf dem Basar nach dem Preis sagt dieser „One“ und meint damit 10’000 Rials. Ausserdem habe ich noch in keinem anderen Land auf meiner Reise so viele Banken gesehen wie im Iran. Für Ausländer sind diese jedoch ziemlich nutzlos. Weder ausländische Kreditkarten noch Traveller Cheques sind akzeptiert. Only Cash!
Der erste Teil meiner Reise führte dem Orumiyeh See entlang.

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Wie das Tote Meer ist dieser See so salzhaltig, dass man darin nicht untergehen kann. Seit 1976 ist er ein UNESCO Biosphären Reservat (6000 Quadratkilometer). Langsam droht er jedoch auszutrocknen. Genau so wie der Aral See in Zentralasien. Der Zarinarud Fluss, ein Hauptzufluss, wurde Richtung Tabriz umgeleitet. Von der Strasse her sieht der See fast wie eine Wüste aus und bei 30 Grad fühlt es sich auch so an. Die Männer müssen im Iran alle lange Hosen tragen. Das macht das Velofahren nicht gerade angenehm. Mein Wasserverbrauch liegt mittlerweile bei 8 Liter pro Tag. Die Strassen sind in einem Top Zustand jedoch viel zu schmal. Wenn zwei Lastwagen sich kreuzen und ich mit meinem Velo komme, wird es ziemlich eng. Zudem haben die Iraner überhaupt keine Ahnung von Verkehrsregeln. Jeder fährt nach dem Motto: der Schnellere und Stärkere gewinnt. Viermal haben mir entgegen kommende Fahrzeuge absichtlich den Weg abgeschnitten und mich von der Fahrbahn gedrängt. Im großen und ganzen macht das Velofahren in diesem Land nur wenig Spass. Dafür sind die Leute einfach umwerfend. Am ersten Abend lud mich ein kurdischer Bauer zu sich nach Hause ein zum Nachtessen und übernachten. Das halbe Dorf kam vorbei um mich zu sehen. Die Familie lebt, schläft, kocht und arbeitet in einem einzigen Raum. Es war ein eindrücklicher Abend. Leider gibt es auch im Iran sehr hohe Berge. Landschaftlich ist dies zwar wunderschön aber bei der Hitze und mit 10% Steigung voll der Alptraum. Ziemlich erledigt kam ich jeweils am Abend in den Städten an. In Saqqez wollte ich Naan ( iranisches Brot) einkaufen. Die drei Jungs schenkten mir das Brot. Als ich jedoch nicht aufpasste, klaute einer von ihnen mein Natel und die Brieftasche. Das Geld war weg. Ich wollte die Polizei verständigen, doch ein paar Passanten forderten das Geld für mich zurück. Das ist der grosse Nachteil, wenn man alleine reist. Man muss immer aufpassen. Dafür lud mich bei einer Tankstelle Asad zu sich nach Hause ein. Es gab eine Dusche mit Nachtessen und Bett ( die Kurden schlafen auf dem Boden). Sein Cousin studiert Medizin und spricht sehr gut Englisch. Er spielte während des ganzen Abends mein Dolmetscher. Wieder kam die ganze Familie auf Besuch. Nach solchen anstrengenden Tagen ist man meistens todmüde und will nur noch schlafen. Da fällt es nicht immer leicht, ein Lächeln aufzusetzen. Wir machten unzählige Fotos an diesem Abend. Im Allgemeinen sind die Iraner hell begeistert, wenn man ein Foto von ihnen machen will. Mein Dolmetscher fragte mich irgend wann auf Englisch: “ Ist es in Europa wichtig, dass die Frauen bei der Hochzeit noch jungfräulich sind?“. Ich musste mir das Lachen ziemlich verkneifen. Aber hierzulande ist dies strenge Tradition. Am nächsten Tag begleiteten mich die zwei zum Shop ihres Onkels, schenkten mir sehr viel Verpflegung und fuhren mit mir bis zum Stadtende. Asad meinte beim Abschied, dass dies der schönste Abend in seinem Leben war. Mir kamen fast die Tränen. Die anschliessenden Drei Tage ging es weiter durch die Berge. Ich habe sämtliche Fluchwörter aus meinem Wortschatz hervor geholt und einen Haufen neue dazu erfunden. Sanandaj war die letzte Stadt im kurdischen Teil des Irans. Aus grosser Dankbarkeit zu den Kurden im Iran und der Türkei habe ich mein Velo auf den Namen “ Kurd“ getauft. Ich hoffe, dass die Kurden eines Tages in Frieden leben können. Ausser im Irak haben sie nach wie vor immer noch Probleme von ihren Ländern anerkannt zu werden ( Syrien, Türkei und Iran). In Qorveh übernachtete ich zum ersten mal in einer Mosche. Alle Männer und Kinder kamen vorbei. Ich durfte sogar beim Gebet zu schauen. Dummerweise beginnt um halb fünf Uhr am Morgen das erste Gebet. Danach ist Schluss mit Schlafen. Dadurch fuhr ich ziemlich früh los und war gegen Mittag schon kurz vor Hamadan. Plötzlich kamen mir 3 Rennvelofahrer entgegen. Ein Mann und zwei Frauen. Afshim und Maryam sind im iranischen Nationalteam. Sie begleiteten mich nach Hamadan und umsorgten mich für die nächsten zwei Tage. Die ganze Veloszene von Hamadan lernte ich dabei kennen. Den ersten Abend verbrachten wir auf einem Landhaus ausserhalb der Stadt mit Blick auf die Skyline von Hamadan. Meine erste Freinacht auf dieser Tour. Hamadan zählte einst zu den schönsten Städten der Welt. 728 v.Chr. baute der griechische König Deiokes hier einen Palast mit Stadt und ernannte diese zur Hauptstadt seines Reiches ( Ecbatana). Die Stadtmauer bestand aus sieben Einheiten. Die zwei Innersten Mauern waren mit Gold und Silber verziert. 550 v.Chr. fiel die Stadt unter die Herrschaft des persischen Königs Cyrus. Dieser nutzte sie als Sommer Residenz. Besonders im August ist es hier relativ kühl. Von Dezember bis März ist es jedoch frostig kalt. Danach wurde die Stadt abermals eingenommen. Im 7. Jh. standen die Araber vor ihren Toren und im 12. Jh. die Seljuken. Es folgten die Mongolen (1386) und schliesslich die Türken (18. Jh.). 1929 gestaltete der deutsche Ingenieur Karl Frisch das Strassennetz komplett neu. Im Zentrum befindet sich der Imam Khomeini Platz. Er ist kreisförmig angelegt. Von dort aus führen sechs Strassen nach Aussen, die wiederum Kreisförmig verbunden sind. Mit Afschim besuchte ich das Ebn-e Sina ( Avicenna) Denkmal.

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Hojjat-ol-Hajj Sharaf-ol-Molk Sheikh-or-Ra’is Abu-‚Ali Hossein ebn-e Sina von Buchara gilt als einer der brillantesten und größten Physiker und Philosophen der iranischen und islamischen Welt. In Buchara (Usbekistan ) begann er seine Ausbildung durch das Studium des heiligen Qoran, Arithmetik und religiösem Recht (980 n. Chr. Geburt). Danach folgte Mathematik und Theologie. Mit 16 Jahren empfahl sein Lehrer Abu-‚Abdollah Natili, diese Wissenschaften selber zu studieren. Er lass sämtliche Schriften von Aristotle, Hippocrates, Archimedes, Ptolemy u.v.a. Als er mit 18 Jahren sämtliche Werke beendet hatte bekam er Zugang zur königlichen Bibliothek des Königs von Samaniden. Mit 21 Jahren begann er selber Bücher zu schreiben. Eine Berufung, die er bis an sein Lebensende verfolgte. Er begann sich auch politisch zu engagieren und sein Wissen als Lehrer weiter zu geben. Ständig war er auf Reisen und wurde oftmals auch verfolgt. Einiger seiner Werke schrieb er in Gefangenschaft. Sein Gesamtwerk umfasst mehr als 250 Bänder von Naturwissenschaften über Medizin, Theologie, Psychologie, Mathematik, Mystik, Alchemie, einige Kapitel des heiligen Korans u.v.m. Sein wichtigstes Werk “ the Canoun of Medicine“ wurde etliche Mahle während der Renaissance Zeit in Europa abgedruckt. Avicenna beeinflusste und inspirierte unter anderem Goethe und Leonardo da Vinci. Dieses Buch enthält mehr als eine Million Wörter der Medizin und Pharmazeutika. Avicenna fand heraus wie die Muskulatur ( schliessen und öffnen) des Auges und der Pupillen funktioniert. Er starb in hohem Alter in Hamadan, wo ihm zu Ehren in den 70er Jahren dieses Denkmal errichtet wurde.
Es gibt aber auch noch andere Sehenswürdigkeiten in Hamadan. So das Baba Taher Denkmal.

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Welches ich mit Shadi und Maryam besuchte oder Ganjnameh.

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Die Inschriften wurden vom Monarchen Xerxes (486- 466 v. Chr.) entworfen um den Gott Zoroastrian zu ehren. Zudem wollte er damit beweisen, dass er ein guter König ist und auch seinen Vater ( König Darius) danken. Im Winter ist der Wasserfall ein beliebter Platz zum Eisklettern. Auch der Basar war ein Highlight für sich.

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Mitten im Zentrum befindet sich die Mosche.

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Die zweite Nacht verbrachte ich bei der Familie von Shadi und Nahid. Shadi hat vor 4 Jahren, ohne Vorbereitung, an einem Sprintwettkampf in Teheran teilgenommen und glatt gewonnen. Sie gilt als Nachwuchstalent im iranischen Nationalteam. Ihr Trainingsalltag gestaltet sich jedoch schwierig. Als Frau darf sie nur mit langen Trainingskleidern in der Öffentlichkeit herum fahren. Zudem wird sie, v.a von Männern, ständig schikaniert. Einige haben ihr schon beim Training absichtlich Glasscherben vor die Reifen geworfen oder ihr mit dem Auto den Weg abgeschnitten. Zur Zeit ist ihr linker Unterarm wegen einer solchen Aktion gebrochen.Die einzige Sprintbahn im Iran befindet sich zudem in Teheran und sie studiert neben bei noch Planungswissenschaften. Jeden Tag notiert sie sich ein paar Wünsche in ein Notizbuch. Ihr grösster Wunsch ist es, dass die Menschen in ihrem Land eines Tages in Freiheit leben können. Für mich ist sie eine Heldin. Da komme ich mir mit meinem Projekt ziemlich lächerlich vor. Ihr Vater erlaubte mir beim Abendessen eine Glas von seinem selbst gemachtem Hauswein zu probieren. Bei der Abreise begleitete mich die ganze Familie mit dem Auto und der Rest des Teams auf dem Velo.

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Diesmal musste ich beim Abschied wirklich weinen. Thank You so much for everything and the great Time in Hamadan!
Langsam wurde es immer wärmer. Gegen Mittag steigt das Thermometer auf 35 Grad. Deshalb habe ich meinen Tagesrhytmus ein wenig geändert. Meistens gegen halb Sechs Uhr am Morgen fahre ich los. Gegen Elf Uhr ist die Hitze dann bereits schon fast unerträglich. Die Mittagszeit verbringe ich deshalb mit schlafen und versuche dann jeweils am Abend nochmals zwei bis drei Stunden zu fahren. Bis nach Kashan habe ich jedes mal im Park übernachtet.

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Die Iraner schlafen, wenn sie auf der Durchreise sind, in kleinen Faltzelten im Park. Daher ist dies auch für mich ein sicherer Ort und man macht viele Bekanntschaften mit den einheimischen Leuten. So haben mir ein paar Studenten in Malayer Naan ( iranisches Brot) und Wasser gekauft und mich gefragt, was die Menschen in Europa über den Iran denken. Ich erzähle meistens, dass alle glauben, die Iraner lieben Osama Bin Laden und alle Männer tragen lange Bärte. Das führt dann jeweils zu grossem Gelächter. Die Studenten meinten beim Verabschieden nur: “ Please, tell the People’s in Europe, that we like them!“ Die Strecke wurde jetzt auch zum ersten mal richtig flach. Die Kilometer flogen nur so dahin. Eigentlich wollte ich einen Tag in Qom bleiben. Qom ist nach Masshad die zweit heiligste Stadt im Iran. Doch bereits bei der Ankunft war mir die Stadt schon unsympathisch. Die Frauen waren alle komplett in Schwarz gekleidet und als ich an einer Bushaltestelle ein paar Passanten nach dem Weg fragen wollte, kam ein Polizist und verwies mich vom Platz. Idiot! Deshalb bin ich nach einer kurzen Nacht weiter nach Kashan gefahren. Im Park unterhielt ich mich mit einem Studenten. Er spielte für den Rest des Tages mein Fremdenführer und chauffierte mich mit dem Auto durch die ganze Stadt. Es gibt viele Legenden über diese Stadt. Eine von ihnen entstammt aus der Bibel und besagt, dass drei Weise Männer von Kashan aus aufbrachen um dem neugeborenen Christus zu besuchen. Eine andere ist die Geschichte von Abu Musa Al-Ashari’s, der eine spezielle Methode erfand um die Stadt zu erobern. Als er die massiven Stadtmauern sah, befahl er seinen Männern in der Wüste tausende von Skorpionen zu sammeln und diese über die Mauer zu katapultieren. Die Kashaner mussten nach diesem Angriff kapitulieren. Erst ab 1051 n.Chr. gibt es die ersten geschichtlichen Aufzeichnungen. Die Seljuken machten die Stadt zu einer, die berühmt war für ihre Kleider, Poesie und Lebensstill. Shah Abbas der erste war so überwältigt von dieser Wüstenstadt, dass er mehr Zeit hier als in Esfahan verbrachte. Der größte Teil der Stadt wurde 1779 von einem Erdbeben zerstört. Im 19. Jh. entstanden hier hunderte von traditionellen Häusern. Einige von ihnen sind bis heute erhalten geblieben und stehen unter Denkmalschutz. Man kann dort in einen der wunderschönen persischen Teehäusern verweilen.

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Ein wenig ausserhalb der Stadt steht der Bagh- e Tarikhi- ye Fin ( Fin Gardens). Er wurde für Shah Abbas der Erste entworfen und soll die persische Vision des Paradieses darstellen.

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Hinter dem Garten befindet sich die „Lasegah“. Ein großer Pool. Von hier aus führt ein unterirdisches Kanalsystem in den Garten und verteilt das Wasser auf die vielen verschiedenen Becken und Brunnen bis es schlussendlich hinaus in die Stadt strömt. Das Badehaus ist das Geschichtlich wichtigste Gebäude hier. Der iranische Volksheld Amir Kabir wurde darin ermordet.

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war Premier Minister unter Nasir od- Din Shah im Jahre 1848. Er galt als Modernisierer, der vor allem grosse Veränderungen im Bildungswesen und der Administration herbei führte. Seine Popularität kam bei den Adligen nicht gut an und so vermutet man, dass diese für seine Ermordung verantwortlich sind. Am nächsten Tag besuchte ich zuerst den Basar

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und anschliessend die Agha Bozorg Mosche.

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Sie gilt als eine der Besten Moscheen, die während dem 19. Jh. entstanden. Heute dient sie als Schule und Museum. Während den heissen Sommertagen verbringen die Studenten ihre Zeit mit lernen in den unteren, kühleren Etagen. Durch die Luftzirkulation ist es hier angenehm kühl.
Mein Darm- und Blasenmanagement geriet durch die Hitze auch langsam aus der Bahn. Mit Durchfall durch die Wüste zu fahren ist ziemlich unangenehm. Kein einziger Busch weit und breit hinter dem man sich verstecken könnte. Vielleicht gewöhnt sich mein Organismus noch an das heisse Wetter.