Im Land der goldenen Zähne

Posted in: Asien Deutsch Aug 10 2011

Pünktlich um 8:00 Uhr standen wir an der iranischen Grenze in Sarakhs. Ab heute hatten wir 5 Tage Zeit um mit unserem Transit Visa durch Turkmenistan zu fahren. Die ungefähr 500 Kilometer lange Strecke führt größtenteils durch die Wüste. Die frühen Morgen und Abendstunden eignen sich am besten zum Velofahren. Wir wollten so schnell wie möglich die Grenze überqueren, um nicht unter Zeitdruck zu kommen.
Am ersten Schalter hiess es, wir sollen uns hinsetzen und warten. Nach 30 Minuten tauchte ein Beamter auf, dieser meinte wir müssen unsere Velos in die Abfertigungshalle bringen. Natürlich gibt es nur hohe Stufen, die wahnsinnig Spass machen um das Velo dort hoch zu tragen! Nochmals 10 Minuten warten hieß es danach. Eine Stunde später tauchte ein weiterer Grenzwächter auf. Dieser registrierte unsere Personalien in einem riesigem Buch und half uns anschliessend, die Velos wieder aus der Halle zu tragen. Die ganze Aktion war völlig sinnlos gewesen. Beim nächsten Kontrollpunkt wurden wir wieder zurück geschickt. Die lieben Beamten hatten absichtlich keinen Stempel in unsere Pässe gedruckt. Dieses Erlebnis bestätigte mir nochmals meine Eindrücke von den iranischen Behörden. Während meines ganzen Aufenthaltes erlebte ich eine total ineffiziente Arbeitsweise von dieser Seite. Für die Bevölkerung muss das Haarsträubend sein.
An der turkmenischen Grenze ging der Alptraum weiter. Zuerst sollten wir Formulare ausfüllen. Ein junger Soldat gab uns absichtlich russische Papiere. Wir verlangten englische Formulare. Ein weiterer Soldat brachte uns schlussendlich eine englischsprachige Vorlage. Nach 5 Minuten tauchte der junge Soldat erneut auf, verlangte 10 Dollar und nahm die Formulare mit. Danach hiess es erneut Velos die Treppen hoch tragen und sämtliche Gepäckstücke auf das Förderband legen. Ein weiterer Soldat kam und verlangte 12 Dollar Einreise Gebühren. Da wurde uns klar, dass der junge Soldat die 20 Dollar in seine eigene Tasche gesteckt hatte. Wenn man schon beim Grenzübergang mit Korruption konfrontiert wird, ist der erste Eindruck vom Land ziemlich negativ geprägt. Nach 4 Stunden standen wir endlich auf turkmenischem Boden. Durch die ganze Abfertigung hatten wir schon mal einen halben Tag verloren. Vielen Dank an die Grenzbeamten! Wenigstens kam jetzt der Moment, auf den ich schon seit langem gewartet hatte: Runter mit den langen Hosen und endlich wieder mit Shorts fahren. Was für ein Gefühl!
Strassenschilder gibt es praktisch keine in Turkmenistan. Auch die Qualität der Strassen ist nicht gerade toll. So realisierten wir schon bald, dass wir uns komplett Verfahren hatten. Zudem blies ein extrem starker Gegenwind. Nach zwei Stunden hatten wir gerade mal 20 Kilometer geschafft. Ein Tag zum heulen! Etwas abgelegen von der Strasse fanden wir einen alten Stall, der einen optimalen Windschutz lieferte für die Mittagspause.

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Bis zur Abenddämmerung waren gerade mal 50 Kilometer geschafft und das erst noch in die falsche Richtung. Zudem gingen die Wasservorräte langsam zu neige und gerade mal vier Tage blieben noch übrig bis zur usbekischen Grenze zu radeln. Überraschenderweise wurde es jeden Abend windstill sobald die Sonne unter ging. Ziemlich zermürbt krochen wir in unsere Zelte.
Der nächste Tag war dann genau das Gegenteil vom Vortag. Kein Wind am Morgen, angenehmere Temperaturen und wunderschöne grüne Felder. Nach zwei Stunden fanden wir sogar einen Shop und konnten dort sämtliche Nahrungs- und Wasservorräte aufstocken. Einzig die Strassen blieben weiterhin katastrophal.

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Radreisende haben viele Freunde und Feinde. Die größten Feinde in Turkmenistan waren für uns definitiv die Mücken. An diesem Abend stellten wir die Zelte neben einem Baumwolle Feld auf mit wunderschöner Aussicht auf die Wüste. Bei Anbruch der Dunkelheit kamen die verd…… Mücken und saugten das Blut aus unseren Körpern. Weder Mückenspray noch Moskitonetz konnten die Plagegeister abwehren.
Ziemlich zerstochen erreichten wir tags darauf Mary, die erste Stadt.

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Erneut mussten die Vorräte aufgefüllt werden. Erstaunlicherweise ist es im ganzen Land ziemlich sauber obwohl fast nirgendwo Mülleimer vorhanden sind. Neben dem Shop verkauften ein paar alte Damen Früchte. Diese nahmen dankend unsere alten Plastikflaschen an und als wir sie noch fotografierten schenkten sie uns zwei Säcke voll mit Gemüse und Früchten.

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Die Frauen hier tragen sehr bunte Röcke und nur selten Kopftücher. Nach zwei Monaten Iran war das einfach nur schön zum anschauen ( so macht das Leben Spass!). Man sieht den Leuten ganz deutlich ihre Abstammung an. Die Russen unterscheiden sich deutlich von ihren turkmenischen Landsleuten. Die Sowjetunion hat aus diesem Nomadenvolk einen modernen Staat in russischem Maßstab geformt. Vor sämtlichen öffentlichen Gebäuden stehen Polizisten, die gut aufpassen, dass keiner Fotos schiesst. Trotzdem gelangten uns ein paar schöne Aufnahmen.

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Meistens sind die größeren Ortschaften mit viel Grün umgeben. Anscheinend wurden hier in aufwendiger Arbeit riesige Kanäle angelegt. Auch die Traktoren sind speziell gebaut. Viele haben nur drei Räder.

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Solche Maschinen müsste man in der Schweiz einführen. Das wäre eine technologische Revolution und sieht erst noch lustig aus. Zudem kann viel Geld gespart werden. Drei Räder sind günstiger als Vier. In Mary passierte es dann: Ich hatte nach 8000 Kilometern meinen ersten Platten.

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Ein dicker, rostiger Draht bohrte sich durch meinen Reifen. Ich habe jetzt den Beweis: Auch die besten Schwalbe Reifen sind nicht unplattbar!
Nach Mary folgte ein 250 Kilometer langer Abschnitt durch die endlose Wüste. Der liebe Wind liess uns nicht im Stich und die Strasse ging permanent Bergauf. Erneut tauchten Kamele auf, die hier in Herden gehalten werden.

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Zu zweit fällt es einem jedoch etwas leichter und man hat jemanden zum ausheulen. Adam und ich waren gerade am philosophieren, als ein englisches Ambulanzfahrzeug neben uns hielt. Die zwei Engländer fahren von Manchester in die Mongolei um dort das Fahrzeug einem örtlichem Spital zu überreichen . Kurz darauf hielt ein französischer Camper. Josė und Colette fahren zwei Jahre lang durch Asien. Im Gespräch fanden wir heraus, dass sie vor einem Monat Chantal und Patric getroffen hatten. Mit ihnen bin ich durch Südostanatolien gereist. Die Welt ist manchmal klein.
Erneut gingen am Abend unsere Wasservorräte zu neige und das mitten in der Wüste. Die Bahnlinie führt parallel der Strasse entlang und hat ein paar wenige Stationen, die meistens aus drei bis vier Häusern bestehen. Nach 60 Kilometern fanden wir am nächsten Morgen eine solche Station. Ein Mann verkaufte uns für zwei Manat pro Flasche (1 Manat = ca. 0.50 Dollar) Wasser. Die Rettung! Bis zum Mittag stieg das Thermometer erneut auf 48 Grad. Den ganzen Morgen lang tauchte kein einziger Schattenplatz auf. Dafür überholten uns die beiden französische Camper mit ihrem Fahrzeug erneut. Sie hatten die letzte Nacht ebenfalls in der Wüste verbracht. Seitlich der Strasse entlang wurden kilometerlange Schilfrohr Matten in den Boden gelegt, damit der Boden vom Wind nicht abgetragen werden kann. Das muss ein riesiges Projekt gewesen sein.

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Plötzlich tauchte eine Containersiedlung auf, die sogar ein Restaurant mit Klimaanlage hatte. Zum zweiten mal an diesem Tag hatten wir Glück gehabt. Am Abend gab es dann die letzte Nacht in der turkmenischen Wüste mit einem wunderschönen Sonnenuntergang und vier Gänge Essen.

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Nach unseren Berechnungen sollten es Morgen noch 50 Kilometern bis zur Grenze sein. Easy! Bereits um 9:00 Uhr waren wir in Turkmenabat. Bei der Einreise hatten wir 70 Dollar gewechselt und immer noch sehr viel davon übrig. Wir plünderten den ersten Laden und assen ein Frühstück, wie ich es schon seit Monate nicht mehr gegessen hatte.

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Wir mussten uns erst mal hinlegen nach dieser Orgie. Am besten gefielen mir die Strassenschilder in Turkmenabat. Ein Hubverbot ist für uns Velofahrer richtig angenehm.

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Nach Karte und GPS waren jetzt noch 30 Kilometer zu fahren. Der Weg ist ziemlich schwierig zum finden. Auch hier gibt es keine Beschilderungen. Die Einheimischen sind aber äusserst hilfsbereit und zeigen eine immer wieder den richtigen Weg. Erst um 13:00 Uhr waren wir an der Grenze. Die war wegen Mittagspause geschlossen. Eine Stunde später ging dann aber alles ziemlich schnell. Als die lieben Beamten gerade unsere Taschen durchsuchen wollten tauchte eine deutsche Reisegruppe auf. Jetzt mussten wir plötzlich nur noch die Formulare ausfüllen und konnten weiter. Ein paar Soldaten schenkten uns sogar noch Schokolade. Die usbekischen Grenzformalitäten waren mit Abstand die Kuriosesten auf meiner bisherigen Reise. Die Körpertemperatur wurde gemessen, im Formular musste man angeben wieviele Goldzähne im Mund stecken und dann wollten sie noch den Wert meiner Kamera wissen. Komisches Land. Bereits nach zwei Stunden standen wir in Usbekistan. Das ging deutlich speditiver.

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Die letzten fünf Tage hatte jeder von uns 40 Liter Wasser getrunken, unzählige Mückenstiche eingefangen und ein Liter Benzin zum kochen verbraucht. Zudem waren es an diesem Tag deutlich mehr Kilometer gewesen als angegeben. Nämlich 80 anstatt 50. Auch in der letzten Nacht vor Buchara saugten die lieben Insekten das Blut aus unseren Körpern. Adam hatte am nächsten Morgen dann gleich zwei Löcher im Pneu.

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Während ich Tee kochte und Adam sein Pneu reparierte kamen viele Leute vorbei und begutachteten unsere Tätigkeiten. Ziemlich erschöpft kamen wir gegen Mittag auf dem Lauzi- Han in Buchara an, wo wir gleich Josė trafen und uns zum Nachtessen verabredeten. Im Guesthouse gab es die erste Dusche seit sechs Tagen und Grosswäsche. Was für ein Gefühl!

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Am Abend trafen wir zudem auf die Kölner Herbert und Philipe und die drei Schweden Oskar, Emil und Manfred, die wir in Mashhad kennen gelernt hatten. Wir gingen alle zusammen zum Nachtessen mit Sonnenuntergang.

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Buchara ist eine wunderschöne Stadt. Es gibt viel zu sehen hier.