Feuer und Staub

Posted in: Afrika Deutsch Sep 25 2016

Die ersten Kilometer nach Bukoba führten noch über eine schön asphaltierte Strasse. Damit sollte jedoch bald Schluss sein. Sobald ich auf die Hauptstrasse kam, welche Tansania mit Ruanda und Burundi verbindet, wurde der Zustand der Strasse immer schlechter. Schlaglöcher ohne Ende und bald gab es gar keinen Asphalt mehr. Danach folgten nur noch endlose Wellblechpisten. Beeindruckend finde ich hier eigentlich nur die vielen Einheimischen, die mit ihren Velos die unglaublichsten Sachen transportieren.

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Dummerweise zerbrach mir schon am zweiten Tag die Sonnenbrille. Ein weiteres Malheur folgte am darauf folgenden Tag. Am Morgen schob ich mein Velo durch den Busch auf die Strasse. Plötzlich rutschte die Kette vom Kettenblatt. Bevor ich überhaupt reagieren konnte hatte sie sich schon zwischen dem Kettenblatt und der Pinion eingeklemmt. Ganze drei Stunden brauchte ich um mit Inbusschlüssel und Stein die Kette wieder raus zu klopfen.

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Die Staubstrasse nach Kigoma führt über fast 300km der Burundischen Grenze entlang. Hier kam noch ein weiteres Übel dazu. Neben den rücksichtslosen Busfahren gibt es hier enorm viele Fahrzeuge für die Hilfsorganisationen. Diese sind sogar noch rücksichtsloser, als die Busfahrer. Jeden Tag wurde ich mehrmals absichtlich von der Strasse gedrängt. Mein Mittelfinger kam ganz schön häufig zum Einsatz. Auf keinen Fall werde ich jemals in meinen Leben wieder eine Hilfsorganisation unterstützen, die ich hier gesehen habe.

Aufgrund der schwierigen Situation in Burundi befinden sich hier mehrere Flüchtlingslager. Die Vereinten Nationen berichten von knapp 500 Toten im vergangenen Jahr; neuere Daten legen nahe, dass bis zu 1.500 Menschen im Konflikt zwischen Regierung und Regimegegnern zwischen April 2015 und April 2016 umgekommen sein könnten, davon 690 Zivilisten. Die Afrikanische Union hat von Plänen, eine Friedenstruppe zu schicken wieder Abstand genommen, zu groß war das Tabu, gegen den Willen eines Mitgliedsstaates zu intervenieren.

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Meine Liste der Top 5 Erzfeinde sieht mittlerweile folgendermassen aus:

  1. Tansanische Busfahrer
  2. Ostafrikanische Kinder
  3. Gegenwind
  4. Afrikanische Mücken
  5. Afrikanische Fliegen

Von dem vielen Staub welchen die Fahrzeuge aufwirbeln ist einfach alles seitlich der Strasse bedeckt. Des öfteren musste ich anhalten wenn Fahrzeuge an mir vorbei fuhren, weil man für eine gewisse Zeit einfach gar nichts mehr sehen konnte.

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In den Dörfern hielt ich nur noch um Wasser einzukaufen. Meistens standen innerhalb kürzester Zeit ein Haufen von Menschen um mich herum um mich einfach anzustaren. Die Landschaft wirkt hier total trostlos. Einerseits trägt die Brandrodung dazu bei und zudem bedeckt noch der ganze Staub von der Strasse das Ganze. Auf der 300km lange Wellblechpistenfahrt gingen mir immer zwei Lieder durch den Kopf: <Orang Utang> von Müslüm und <Highway to Hell> von ACDC. Diese beschreiben den seelischen Zustand während meiner Fahrt ziemlich gut.

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Nach 9 Tagen erreichte ich endlich Kigoma am Ufer des Tanganjikasee. Moralisch und körperlich ziemlich am Ende. Eigentlich wollte ich auf dem Jakobsen Beach Camp zelten. Dieser war mir jedoch viel zu teuer. Die Aqua Lodge wird gerade renoviert aber der Manager erlaubte mir trotzdem direkt am Ufer Zelt aufzustellen. Ich hatte riesiges Glück und konnte bereits 3 Tage später eine Fahrt mit der MV Liemba machen. Diese fährt nur alle 2 Wochen nach Mpulungu in Sambia.

Die Liemba wurde 1913 als Dampfschiff in Deutschland gebaut und im Ersten Weltkrieg bewaffnet. Bis zum 16. Mai 1927 trug es den Namen Goetzen, benannt nach Gustav Adolf Graf von Goetzen. Sie sollte dazu dienen, den Warentransport auf dem Tanganjikasee, gelegen in der damaligen deutschen Kolonie Deutsch-Ostafrika sowie mit der belgischen Kolonie Kongo zu fördern. Das Schiff wurde während des Ersten Weltkrieges zu einem Hilfskriegsschiff umgewandelt. Als die deutschen Truppen auf ihrem Rückzug Kigoma aufgeben mussten, befahl der deutsche Marine Befehlshaber, die Goetzen zu versenken. Der Schiffingenieur ließ die wichtigsten Teile vor dem Öffnen der Seeventile dick mit Fett einschmieren und das Schiff am 26. Juli 1916 in einer Wassertiefe von rund 20 Metern nahe dem Ufer in der Katabe Bay fluten. Das Schiff wurde ab 1918 von den Belgiern gehoben. Aufgrund der seit Anfang der 1960er Jahre in der Region immer wieder ausbrechenden Bürgerkriege wurde die Liemba seit 1962 von der UNHCR häufig als Flüchtlingstransporter eingesetzt. Bereedert wird das Schiff seit 1977 von der Tanzania Railways Corporation (TRC). Die Liemba ist heute das einzige große Passagierschiff, das regelmäßig auf dem See verkehrt. Zum Teil sind es nur kleine Dörfer, die keinen Hafen besitzen. Das Be- und Entladen erfolgt fast ausschließlich über kleine Barkassen, da sich Landungsbrücken nur in Kigoma, Kasanga und Mpulungu befinden.

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Das Ticket kostet für Ausländer viermal so viel wie für Einheimische. Solche Dinge regen mich mittlerweile einfach gewaltig auf hier in Afrika. Alle glauben, dass die weissen Muzungus reiche Menschen sind. Wenn man jeden Tag ständig um Geld angebetelt wird dreht man manchmal einfach fast durch. Ich bezahlte für ein Ticket in der dritten Klasse 75.- US Dollars und schlief auf dem Deck. Abgesehen von dem war die Fahrt ein echtes Erlebniss und ich kam mit einigen sehr netten Leuten in Kontakt. Zum Beispiel Katharina, die als Hebamme im Tschad arbeitet, ursprünglich aus Deutschland kommt und lange Zeit in der Schweiz gearbeitet hat. Begleitet wurde sie von Herman, einem Freund aus Hannover. Die Beiden fuhren den ganzen Weg von Kigoma nach Mpulungu hin und wieder zurück. Sie luden mich auf ein Mittagessen in ihre Kabine ein. Vielen Dank!

Mit einem Tag Verspätung kamen wir nach 3 Tagen Fahrt in Mpulungu an. Für diese Schiffsfahrt hat sich die entbehrliche Reise nach Kigoma definitiv gelohnt. Ich bin froh, dass ich Tansania ohne einen Unfall überstanden habe. Leider kann ich dieses Land auf Grund der schlechten Strassen und den rücksichtslosen Fahrer nicht für andere Velofahrer empfehlen. Eigentlich schade, denn es gäbe viel zu entdecken und ist gerade landschaftlich äusserst reizvoll (wenn nicht gerade alles abgebrannt wird).