Der Alptraum

Posted in: Afrika Deutsch Mrz 26 2016

Gleich an der Grenze staunten wir das erste Mal über die moderne Einrichtung auf dem Zollamt. Computer mit Kameras, Fingerabdruckscanner und Klimaanlage. Zudem fällt einem sofort auf, nach all den arabischen Ländern, dass hier in Äthiopien Bier getrunken wird und die Frauen ohne Kopftuch sich in der Öffentlichkeit zeigen können. Von Anfang an ging es jetzt den Berg hoch. Überall hat es Menschen. Einen Zeltplatz zu finden war gar nicht so einfach. Im Sudan ging das ohne Problem. Radelt man durch die Gegend rufen die Leute (besonders die Kinder) permanent Faranji, You You You oder Money Money Money! Anfangs ist dies noch lustig, doch schon ziemlich bald geht es einem richtig auf die Nerven. Gleich am ersten Tag bestellten wir im Restaurant ein Injera.

Als Grundnahrungsmittel und praktisch zu jeder Mahlzeit wird das aus dem Mehl des hirseartigen Getreides Teff gewonnene tellergroße Fladenbrot Injera gereicht. Als „essbarer“ Teller fungierend, da in Äthiopien aus hygienischen Gründen nur mit der rechten Hand gegessen wird, ersetzt es das Essbesteck. Dazu werden verschiedene Saucen, Wott genannt, serviert, die in verschiedenen vegetarischen und fleischhaltigen Ausführungen zubereitet werden.

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Schon bald ging es richtig in die Höhe und die ersten Steine kamen geflogen. Besonders bei den Steigungen ist man als Velofahrer den Kindern hilflos ausgeliefert. Zuerst versuchten wir mit den kleinen Biestern ein Gespräch zu führen. Diese lernen jedoch nur die wichtigsten englischen Wörter um etwas zu erhalten. Kriegen sie nichts, werden sie richtig aggressiv. Mehrere Male versuchten sie unsere Wasserflaschen vom Velo zu reissen oder die Taschen zu öffnen. Das einzige Mittel war der Stock, um sie zu vertreiben. Schon ziemlich bald entwickelte sich das ganze zu einem täglichen Krieg. Teilweise versuchten die Erwachsenen uns zu helfen. Gegen eine Gruppe von 30- 50 Kinder waren auch sie jedoch machtlos.

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Meine Stimmung war schon nach kurzer Zeit auf dem Tiefpunkt. Was für ein krasser Gegensatz zum wundervollen Sudan! Das Unglück geschah am dritten Tag: Wir hatten bereits über 70km und mehr als 1’200 Höhenmeter zurück gelegt. Es fing langsam an dunkel zu werden und nirgendwo kam ein Zeltplatz in Sicht. Auf einmal tauchte ein kleiner Wald am Strassenrand auf. Wir fragten einen Bauer, ob wir hier unsere Zelte aufbauen könnten. Zum dank für seine Erlaubnis gaben wir ihm ein paar Kekse. Nachdem er verschwunden war, tauchten 4 Jugendliche auf. Für einen kleinen Augenblick lies ich mein Velo aus den Augen. Als ich mich umdrehte war der Rucksack geöffnet. Drei Dosen mit Essen fehlten. Ich rannte den Kids hinterher, ohne Erfolg. Frustriert packten wir unsere Sachen zusammen und versuchten auf der Strasse einen Bus anzuhalten, um uns nach Gondar zu fahren. Der Fahrer wollte am Schluss unverschämte 1’000 Birr (ca. 50.- USD) für die 20km Fahrt! Mit viel verhandeln zahlten wir dem Idioten dann 200 Birr.

Am nächsten Tag versuchten wir alle Möglichkeiten ausfindig zu machen um irgendwie nach Addis Ababa zu gelangen. Dabei lernten wir Effrem von der Lodge Fasil kennen. Er entschuldigte sich vielmals für das was uns zugestossen war und lud uns sofort ein bei ihm in der Lodge umsonst zu zelten. Wow!

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Er nahm uns am nächsten Tag mit auf ein Dorf. Dort lebt ein Teil seiner Familie. Mit grossem Stolz zeigten sie uns, wie sie ihre Felder bewirtschaften. Ich war darüber eher entsetzt. Alles erinnerte mich an die Steinzeit. Ein gut ausgebildeter Landwirt könnte mit den richtigen Maschinen und Infrastruktur hier einen zehnfach höheren Ertrag erwirtschaften als das ganze Dorf zusammen. Kein Wunder herrscht in diesem Land Hungerkatastrophe. Zudem ist das einzige Brennmaterial Holz. Ein Grossteil der Wälder sind bereits verschwunden. Im Sudan habe ich riesige Aufforstungsprojekte gesehen. Hier scheint sich jedoch niemand darüber bewusst zu sein, dass durch das abholzen der Primärwälder der Grundwasserspiegel zurück geht, Erosionen entstehen und der Boden kontinuierlich austrocknet. Etwas gutes gibt es in Äthiopien aber doch noch: Der Kaffee hier ist echt einer der besten, den ich bislang getrunken hab.

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Wir entschlossen uns wenigstens noch um den Tanasee rum zu radeln bis nach Bahir Dar an die Quelle des Blauen Nils. Diesen Entscheid sollten wir jedoch ziemlich bald bereuen. Von jetzt an übernachteten wir nur noch in Pensionen oder Hotels. Zu unserem eigenen Schutz.

Am zweiten Tag führte die Strasse über 2 Pässe. Auch hier gibt es einfach überall Menschen und logischerweise dementsprechend viele Kinder. Alle sind zu Fuss auf den Strassen unterwegs. Beim zweiten Pass geschah dann das nächste Unglück: Mitten in der höllischen Steigung (eine Steigung unter 10% findet man in Äthiopien kaum) kam eine Horde Kinder angerannt. Die Erwachsenen im Dorf unternahmen mal wieder überhaupt nichts sondern amüsierten sich noch über unsere missliche Lage. Plötzlich sah ich in meinem Rückspiegel, wie die Kinder aus Zoltàns Hinterradtasche seine Matratze rauszogen. Gerade noch rechtzeitig konnte ich mein Velo wenden und die verdammten Saugofen davon jagen. Im selben Moment flog ein grosser Stein knapp an meinem Kopf vorbei. Das war genug. Wutentbrannt rannte ich mit meinem Stock zurück ins Dorf und schrie die elenden Erwachsenen auf Schweizerdeutsch an. Gottverdammte Scheisse nochmal! Diese Eltern kriegen Kinder wie Karnickel, sind aber unfähig sie zu erziehen. So eine elende Sauerei habe ich noch in keinem Land auf meinen Reisen erlebt! Es fehlte nicht viel und ich hätte einen der Idioten zu Hackfleisch verarbeitet.

In Addis Zemen stoppten wir einen Lastwagen, der uns dann die restlichen 80km bis Bahir Dar mitnahm. Dort konnten wir uns in der Manuhie Backpackers Lodge von den Strapazen erholen. Wir lernten dabei auch Alexa, Susanne und Martin aus Deutschland kennen, die uns am nächsten Tag zu den Wasserfällen des Blauen Nils mitnahmen.

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Der Name stellt eine ungenaue Übersetzung des arabischen Wortes Azraq dar, das neben blau auch dunkel bedeutet. Die dunkle Farbe des Blauen Nil wird durch das in großer Menge als Schwebfracht mitgeführte feinkörnige Bodenmaterial verursacht, das aus dem Abessinischen Hochland Äthiopiens stammt. Die Tisissat-Wasserfälle gelten als eine der wichtigsten Touristenattraktionen Äthiopiens. Sie wurden allerdings sehr beeinträchtigt, seitdem große Wassermengen an den Fällen vorbei durch die nahegelegenen Tis-Abay-Kraftwerke geleitet werden und seit 2010 Wasser schon aus dem Tanasee zu den Tana-Beles-Kraftwerken abfließt. Vor dem Bau des Kraftwerkes war der Wasserfall 400m breit und galt während der Regenzeit als zweitgrösster Wasserfall Afrikas. Heute ist davon nur noch ein Rinnsaal übrig. Sämtliche Touristen bezahlen den fünfachen Preis wie die Einheimischen. Diese Diskrimminierung findet im ganzen Land statt. Was würde wohl geschehen wenn wir das gleiche in Europa mit unseren Touristen machen würden?

Nati, von der Menuhie Lodge half uns sehr einen geeigneten Bus nach Addis Ababa zu finden, der auch unsere Velos mitnehmen würde. Die Fahrt mit dem Selam Bus war sehr komfortabel und das ganze Gepäck kam unbeschdadet nach 12 Stunden Fahrt in der Hauptstadt an. Zoltàn beschloss so schnell wie möglich das Land zu verlassen und sich auf der Sinai Halbinsel in Ägypten von den Äthiopiern zu erholen. Vorher aber gab es noch ein Wiedersehen mit der BAND OF BROTHERS. Matthias und Marco trafen einen Tag nach uns ein und Michael ebenfalls. Ausser Marco haben alle Anderen beschlossen mit dem Flieger aus dem Land zu reisen. Auch Henri und Clive, die wir ebenfalls in Khartoum getroffen hatten, gesellten sich zu uns.

Bei Oliver und Piu durfte ich mein Velo einstellen. Oliver arbeitet auf der Schweizer Botschaft in Addis Ababa und wurde mir von einer Freundin empfohlen. Die beiden verwöhnten mich ein Wochenende lang in ihrem Haus mit Playstation, Bier, einer warmen Dusche, köstlichem Essen und sogar Schweizer Käse! Das war Balsam für meine Seele! In Wim’s Holland House lernten wir zudem noch Martin aus Australien kennen. Er ist mit seiner Enduro von Kapstadt aus gestartet und versucht nun auf dem Landweg das Nordkap zu erreichen.

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Alle zusammen hatten die gleichen Erlebnisse mit den Kindern hier in Äthiopien gemacht. Wir diskutierten einige Stunden um die Ursache dieses Verhaltens. Selbst die Erwachsenen unterwegs strecken einem die hohle Hand entgegen, wenn man sie freundlich grüssen will. Aus unserer Sicht stellen die Hilfsorganisationen und die Vereinten Nationen das Hauptproblem dar. Oftmals beobachteten wir, wie die Fahrzeuge der NGO’s in den Dörfern anhielten und den Kindern riesige Säcke mit Süssigkeiten und Stiften reichten. Man kann durch kein einziges Dorf in Äthiopien fahren ohne nicht mindestens eine Tafel von irgendeiner der unzähligen Organisationen, die in diesem Land tätig sind, zu erblicken. Aber auch die Kirche mit ihrem fundamentalen Glauben ist ein Problem. Dazu kommt noch die korrupte und inkompetente Regierung, welche den Profit in die eigenen Taschen steckt.

Im Bildungsbereich sind die geringe Alphabetisierungsrate bei den Erwachsenen sowie die niedrigen Einschulungsquoten auf allen Ebenen der formalen Bildung die Hauptprobleme. Letztere beträgt trotz Schulpflicht und kostenlosem Schulbesuch rund 102% in der Grundschule (bei Mädchen nur 98%), in der Sekundarstufe 34% (Mädchen 30%), an Hochschulen nur mehr 4%. Durch die ewigen Spenden entwickeln sich die Menschen hier immer mehr zu Konsumenten. Sie sind es sich gar nicht mehr gewohnt selber dafür zu arbeiten. Viele sitzen den ganzen Tag einfach nur rum. Besonders die Männer. Ohne die Frauen, welche hart arbeiten, würde hier überhaupt nichts mehr funktionieren. Bildung ist einfach das wichtigste für einen Staat. In den ersten 2 Wochen hier in Äthiopien habe ich gesehen, was für verheerende Folgen es haben kann falls man diesem Bereich vernachlässigt.

Viele Leute haben mich ermutigt noch ein wenig das Land anzuschauen bevor ich weiter ziehe. Deshalb werde ich nun mit dem Bus reisen.

In Addis Ababa musste ich mich von Zoltàn verabschieden. Die Zeit mit ihm war trotz den miesen Erlebnissen am Schluss super toll. Sein Schnarchen werde ich nicht vermissen, aber seine positive Lebenseinstellung ganz bestimmt.