Berg und Tal

Posted in: Afrika Deutsch Aug 27 2015

3:40 Uhr, Valbona in Nordalbanien. Der Wecker klingelt. 20° Grad zeigt das Thermometer an. In 5 Stunden ist das Quecksilber bereits schon um das Doppelte gestiegen. Velofahren macht dann nicht mehr so richtig spass und einen Hitzeschlag möchte ich unbedingt vermeiden. Deshalb zwinge ich mich von jetzt an früh morgens auf zu stehen. Gerade die Stimmung bei Sonnenaufgang ist irrsinnig. 

Der Nationalpark Valbonatal (albanisch Parku Kombëtar Lugina e Valbonës) schützt einen Teil der Albanischen Alpen im oberen Tal der Valbona in Nordalbanien. Es handelt sich um unberührte Hochgebirgslandschaft auf der Süd- und Ostseite der Jezerca, dem höchsten Berg Albaniens, der gänzlich innerhalb der Landesgrenzen liegt. Der Nationalpark umfasst eine Fläche von 8000 ha und wurde 1966 gegründet. 

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Auf dem Zeltplatz in Valbona lernte ich Nadine aus dem Elsass kennen. Sie reist schon seit mehr als 30 Jahren regelmässig durch die Welt. Wir entschlossen uns gemeinsam die Autofähre über den Koman See zu nehmen. Der in den Jahren 1980 bis 1988 in der Schlucht von Malgun (gryka e Malgunit) beim Dorf Koman erbaute Steinschüttdamm mit Betonaussenschicht ist 115 Meter hoch, besteht aus 600.000 Kubikmetern Material und staut einen See von zwölf Quadratkilometern Fläche. Das angeschlossene Wasserkraftwerk, ursprünglich nach Enver Hoxha benannt, hat mit vier aus Frankreich stammenden Turbinen eine Leistung von 600 MW, was damals die größte in Albanien und in Südosteuropa gewesen sein soll. Wegen Wasserknappheit musste die Stromproduktion in den letzten Jahren wiederholt drastisch heruntergefahren werden. Gespeist wird der Koman- Stausee neben dem Drin von der Valbona und dem Shala- Fluss.

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Den Fahrpreis für die knapp 2 stündige Fahrt fand ich für albanische Verhältnisse schon fast ein wenig überrissen. 10 Euro entsprechen hier einem Tageslohn. Dafür sind die Zeltplätze (noch) enorm günstig. Für 2 Euro konnte ich meistens mein Zelt auf einem der vielen Campings aufstellen.

Eigentlich wollte ich von Koman aus nach Tirana, in die Hauptstadt, fahren um mich dort ein paar Tage zu erholen. Nadine empfahl mir aber lieber den Campingplatz am Shkodra See zu wählen. 

Der See liegt im Grenzgebiet zwischen Montenegro (alb. Mali i Zi), zu dem etwa zwei Drittel der Fläche gehören, und Albanien, das über etwa ein Drittel der Fläche verfügt. Der Wasserspiegel des Sees schwankt stark, je nach Jahreszeit um bis zu 5 Meter. Dies führt ebenfalls zu einem starken Schwanken der Oberfläche zwischen 370 km² und 540 km² bei Hochwasser nach der Schneeschmelze.

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Nach 6 erholsamen Tagen, bei Höchsttemperaturen um die 42° Grad (der See war wärmer als jede Badewanne), entschloss ich mich nochmals in die Berge zu fahren. Schon wenige Kilometer nach der Stadt kam die erste Wand. Am Anfang versuchte ich noch die Steigungen und Täler zu zählen, die ich durchquerte. Irgendwann musste ich jedoch kapitulieren. Mich beeindruckte besonders, wie viele Menschen hier in diesen abgelegenen Gebiten zum Teil noch leben. Irgendwie fühlt man sich wie in eine andere Zeit versetzt. 

Bis 1944 führten Albaner einen Partisanenkrieg gegen die italienischen und später deutschen Besatzer. Diese hatten dem albanischen Marionettenstaat auch Teile Kosovos, Mazedoniens und des griechischen Epirus angeschlossen. 1944 wurde Albanien von der faschistischen Fremdherrschaft befreit. Enver Hoxha, der Führer der kommunistischen Partei, errichtete eine Diktatur. Die Vorkriegsgrenzen wurden wiederhergestellt. 1967 wurde ein totales Religionsverbot erlassen. Albanien wurde zum „ersten atheistischen Staat der Welt“ erklärt. Ein Jahr später trat Albanien aus dem RGW und dem Warschauer Pakt aus und blieb auf stalinistischem Kurs. Aus Angst vor einer feindlichen Invasion wurden im ganzen Land verstreut an die 200.000 Bunker errichtet. Diese sieht man heute noch im ganzen Land verteilt. Die Außenpolitik Albaniens hat sich seit dem Sturz der kommunistischen Diktatur 1990/91 stark verändert. Das Land ist nicht mehr eine „isolierte Insel“ auf der Karte Europas, sondern Mitglied in vielen internationalen Organisationen. Seit dem 15. Dezember 2010 sind albanische Bürger nun zudem von Visa befreit. Falls sie einen biometrischen Pass besitzen, können sie ohne Hindernisse in die 25 EU-Staaten (außer Irland und Großbritannien) und in die „Schengen“- Länder Schweiz, Norwegen und Island einreisen.

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In Kukës sah ich eine Nebenstrasse auf meiner Karte eingezeichnet, die parallel zur neu gebauten Autobahn verlaufen sollte. Jedoch stellte sich bald heraus, dass diese gar nicht mehr existiert. Die Einheimischen empfahlen mir alle die Autobahn zu nehmen. Nach den vielen engen und alten Strassen empfand ich das rollen auf diesem neuen Belag als richtigen Wohlgenuss. Die letzte Nacht vor der Grenze verbrachte ich in einem kleinen Dorf. Die Jugendlichen dort wollten mich nicht neben der Autobahn schlafen lassen, weil dies angeblich zu gefährlich sei. So platzierten sie mich und mein Zelt auf dem Dorfplatz, um mich beschützen zu können. Albanien war für mich sowohl landschaftlich als auch von den Menschen her eine völlig positive Überraschung. Der Massentourismus scheint langsam auch hier Fuss zu fassen. Hoffentlich etabliert er sich nicht zu stark.

Ich hatte mehrer Gründe um nochmals in den Kosovo zurück zu kehren. In Prizren, der ersten Stadt nach der Grenze, gab es ein tolles Wiedersehen mit Avni. Wir hatten zusammen vor 5 Jahren im Schweizerischen Paraplegiker Zentrum in Nottwil gearbeitet. Avni ist momentan gerade zu Besuch bei seiner Familie. Zusammen mit seinem Enkel Qendrim besuchten wir ein wenig die Stadt.

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Die beiden halfen mir sogar das Velo auf die Festtung zu stossen und luden mich und Fredrik, ein schwedischer Tourenfahrer den wir dabei zufällig trafen, zum Mittagessen ein.  Shumë falemnderit Avni! Mit Fredrik ging ich dann ins Hostel, wo ebenfalls ein Velopärchen aus Frankreich einquartiert war Naïla und Yoann. Fredrik verliess uns am nächsten Tag. Zusammen mit Naïla und Yoann besuchte ich noch den restlichen Teil der Stadt.

Prizren spielt in der Geschichte des Kosovo eine wichtige Rolle. Sie war für die Serbisch-Orthodoxe Kirche ein religiöses Zentrum und während Jahrhunderten eine der größten Städte der Region. Im Zeitalter des Nationalismus des 19. Jahrhunderts (Rilindja) war Prizren Treffpunkt albanischer Nationalisten, die versuchten – teils mit schriftstellerischer Tätigkeit, teils mit militärischer Gewalt – die Herrschaft der Osmanen in den albanischen Gebieten zu beenden und einen Nationalstaat zu gründen.

Heute ist Prizren vor allem ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt, ein kulturelles Zentrum und mit ihrer teilweise erhaltenen Altstadt und den vielen historischen Bauten Anziehungspunkt von Touristen.

Mister G, der Besitzer vom Hostel, offerierte mir um sonst auf der Dachterrasse zu übernachten. Dieses Angebot nahm ich sehr gerne an. Zufällig fand zur geleichen Zeit das internationale Kurz- und Dokumentationsfilm Festival (DokuFest) zum Thema Migration statt. Mit dem Thema versuchen die Veranstalter auf die Visa Problematik für die Menschen im Kosovo aufmerksam zu machen. Hoffentlich können sie ihr Ziel erreichen.

Joshia, ein Velofahrer aus England, den ich durch Barbara und Sebastian kenne schrieb mir, dass er in Pristina angekommen ist. So sprang ich in den Bus und fuhr ihn besuchen. Er organisierte für uns eine Übernachtungen bei  Kujtim (Couch Surfing).

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Ich wollte unbedingt noch ein paar weitere Filme am Doku Fest schauen und fuhr deshalb am nächsten Tag wieder zurück nach Prizren. Leider drängte mich der Mitarbeiter des Hostels mich am Abend, als ich von dem Festival zurück kam, das Hostel zu verlassen. Der Besitzer hatte mir stets versichert, dass ich gerne so lange wie ich möchte bleiben kann. Bei einem Monatslohn von knapp 300 Euro geben sich nicht alle besonders Mühe ihren Job sorgfältig auszuführen. Diskutieren half nicht viel und der Besitzer war nicht erreichbar. So fuhr ich mitten in der Nacht zum Bus Terminal und übernachtete im Wartesaal. Völlig übermüdet fuhr ich dann am nächsten Tag in Richtung National Park Šara.

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Gleich am Ende der Stadt fuhr ich an der Ruine des Klosters vorbei. Das Kloster war die Grablage des serbischen Zaren Stefan Dušan und für die Entwicklung der serbischen Architektur in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts und ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts ausschlaggebend. Die Hauptkirche des den Heiligen Erzengeln Michael und Gabriel geweihten Klosters war neben dem Kloster Visoki Dečani das größte Gotteshaus im Serbien des Mittelalters sowie eines der größten spätmittelalterlichen Kirchengebäude der Balkanhalbinsel. Das Kloster wurde am 17. und 18. März 2004 durch radikale Albaner aus Prizren niedergebrannt (Link zum Thema: de.wikipedia.org/wiki/Ausschreitungen_im_Kosovo_im_März_2004#Prizren_und_Erzengelkloster_bei_Prizren).

Ziemlich erschöpft kam ich auf dem Pass an (1’095 m.ü.M.). Dort wurde ich gleich von Xhafer (einem Rentner, der mehr als 25 Jahre in Deutschland gearbeitet hat) zum Tee eingeladen. Ein paar Serpentinen genehmigte ich mir anschliessend noch bevor ich dann todmüde mein Zelt für die Nacht im Wald auf stellte.

Bis an die Grenze nach Mazedonien folgte nochmals ein Pass und eine Sackgasse, die ich meiner total ungenauen Karte verdanke. Ich benütze aber auch bewusst eine Strassenkarte und kein GPS. Durch die Irrwege lernt man viel eher unbekannte Gebiete kennen.

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Kosovo ist das jüngste Land auf dem europäischen Kontinent. Die Wunden des Krieges sind noch nicht verheilt. Jedoch haben die Menschen hier erstaunlich schnell gelernt in die Zukunft zu schauen. Ihr Optimismus und Tatendrang ist beneidenswert und deutlich spürbar. Ich hoffe sehr, dass sie ihre Ziele und Träume erreichen werden.