你好 Nǐhǎo China 中

Posted in: Asien Deutsch Mai 31 2012

Nach einem erholsamen Tag in Sapa machte ich mich früh morgens auf zur rasanten Abfahrt an die Chinesische Grenze. Der Höhenunterschied wurde bald deutlich spürbar. Herrschten in Sapa noch angenehme, milde Temperaturen, so wurde es bald schon wieder drückend heiss und das tropische Klima mit seiner hohen Luftfeuchtigkeit hatte mich wieder voll im Griff. Zum letzten Mal genoss ich nochmals den Blick über die schönen Reisterrassen.

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In Lao Cai war der Grenzübergang bald gefunden. Auf beiden Seiten wussten die Grenzbeamte zuerst nicht ganz, was sie mit so einem komischen Velonomaden anfangen sollen. Auf der vietnamesischen Seite stellten sie mich samt dem Velo in die Warteschlange der Fussgänger. Die chinesischen Grenzbeamten waren hoch fasziniert vom Design des Schweizer Passes. Jede Seite wurde präzise angeschaut und diskutiert. Bei einem 40-seitigem Pass dauerte es eine Weile, bis ich dann meinen Stempel für die Einreise bekam. Weil mein Velo nicht durch den Röntgenapparat passte, durfte ich dann den Durchgang für Transportgüter benutzen. Gleich nach der Grenze konnte ich meine letzten vietnamesischen Dongs in Yuan umtauschen (8 Yuan = ca. 1 CHF.-). Nur gerade eine Stunde dauerte der Grenzübertritt und keiner wollte mein Gepäck kontrollieren. I like that! Bereits bei der Durchfahrt durch die erste Ortschaft wurde ich mehrmals von Passanten herzlich in China willkommen geheissen. Ganz fasziniert war ich von den Strassen. Die Chinesen sind in Sachen Strassenbau definitiv um einiges weiterentwickelt als ihre südostasiatischen Nachbarn.

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Der nördliche Wendekreis und somit das geografische Grenzgebiet der Tropen, befindet sich zum Teil noch in Südchina. Gegen Mittag wurde es bereits wieder gnadenlos heiss. In einer Bananenplantage fand ich einen kleinen Siestaplatz. Erst da realisierte ich die Zeitverschiebung. China liegt eine Stunde vor der südostasiatischen Zeit und 6 Stunden vor der Mitteleuropäischen. Der rasant voranschreitende Strassenbau hat auch seine Tücken. Während immer mehr moderne Schnellstrassen entstehen, wird der Unterhalt von dem bereits bestehenden Strassennetz total vernachlässigt. Diese Strassen sind jedoch gerade für den Lokalverkehr und auch für die Velofahrer enorm wichtig, da keine Zweiräder auf den Freeways zugelassen sind. Das nennt man chinesischen Fortschritt! So verfuhr ich mich am ersten Tag bereits nach kürzester Zeit und bemerkte den Fehler erst einige Kilometer später. Da es mehrere Varianten nach Kunming gibt, war dies nicht so gravierend. Viel schlimmer war an diesem Tag die prallende Sonne und für fast 20 Kilometer kein Schatten in Aussicht. Am späten Nachmittag fand ich an der Abzweigung nach Gejiu endlich eine Tankstelle mit Sonnendach und kühlenden Getränken. Jedoch half das nicht mehr viel. Ich hatte mir bereits einen Hitzestau eingefangen. Nach wenigen Kilometern musste ich kapitulieren und stellte mein Zelt mit letzten Kräften direkt am Strassenrand auf.

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Die richtige Tortur kam jedoch erst am nächsten Tag; 30 Kilometer ununterbrochene Steigung. Dafür benötigte ich beinahe 4 Stunden und am Ende erwartete mich ein 2 Kilometer langer Tunnel.

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Die kühle Temperatur im Innern war herrlich, jedoch macht Velofahren in einem Tunnel überhaupt keinen Spass! Wenn ein Lastwagen heran rollt, hat man das Gefühl ein Flugzeug fliegt dir direkt entgegen. Das Licht am Ende des Tunnels war die Erlösung. Jetzt weiss ich, wie sich eine Nahtod Erfahrung anfühlen muss! In Gejiu staunte die Dame hinter der Kasse nicht schlecht, als ich meinen Getränkeeinkauf auf den Tresen stellte. 8 Liter Wasser und 4 Liter Süssgetränke. Anschliessend wurde ich für die Strapazen vom Morgen reichlich belohnt. Es folgte eine 14 Kilometer lange Abfahrt mit Rückenwind. Dabei fühlte ich mich wie ein Vogel.

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Nach dieser Abfahrt veränderte sich das Klima schlagartig. In der Nacht fielen die Temperaturen deutlich und die Luftfeuchtigkeit nahm immer mehr ab. Ich hatte den nördlichen Wendekreis hinter mir gelassen. Chinas gewaltige Dimensionen nahm ich schon an diesen ersten Tagen wahr. Die Landschaft wirkt enorm weitläufig, es herrscht starker Verkehr auf den Strassen und alles ist in Bewegung, wie in einem Ameisenhaufen. Produktivität wird im Vergleich zu anderen asiatischen Ländern, die ich bisher gesehen habe, hier sehr gross geschrieben. Besonders die Disziplin der Chinesen beeindruckt mich immerm wieder. Die nächsten 3 Tage kam ich ziemlich gut voran und fand immer wieder traumhafte Zeltplätze. Dies entbehrte meistens den Tag im Sattel. Luftpartikelfilter für Kraftfahrzeuge kennt man in China so wenig, wie den Umweltschutz. Wenn einem nicht gerade der Geruch von stinkenden Abfallbergen, die tonnenweise am Strassenrand liegen, entgegenweht, wird man garantiert von einem Lastwagen überholt, der dir die ganzen Abgase beim überholen ins Gesicht bläst. Irgendwie vermisste ich in diesen Tagen die ruhige und saubere Bergwelt Nordvietnams enorm. Besonders übel empfand ich die unzähligen Tierkadaver, welche einfach so entsorgt werden. Schweine, Hunde, Katzen, Schlangen, Ratten, usw. vertrocknen langsam in der Sonne.

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Spät am Abend erreichte ich nach 5 Tagen Kunming und fand im Cloudland Youthhostel die perfekte Unterkunft. Bereits am nächsten Tag traf ich unerwartet William, der mir mit Jean- Pierre in Nordvietnam begegnet war. Wir verabredeten uns für den Abend. Vor allem aus zeitlichen Gründen habe ich mich entschlossen, von Kunming aus den Zug nach Xi’an zu nehmen. So kaufte ich frühzeitig ein Ticket für die 34 Stunden dauernde Fahrt, da die Züge oft schon ziemlich bald ausgebucht sind. Auf dem Heimweg traf ich zufällig 6 französische Velofahrer (www.zarmablog.blogspot.com). Sie haben vor 3 Jahren einen Verein gegründet und reisen seither als rollende Clowntruppe um die Welt ohne ein Flugzeug zu benutzten. Wir verabredeten uns für den Abend. Gemeinsam mit William, der unser Stadtführer spielte, verbrachten wir spannende Stunden mit unglaublichen Reiseerlebnissen. Unter Velonomaden gehen einem nie die Geschichten aus.

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Die nächste Begegnung hatte ich bereits am nächsten Tag, als Pauline und Arnaud in der Jugendherberge eintrafen. Sie befinden sich seit 1 Jahr auf Hochzeitsreise und sind von Frankreich aus durch Südamerika geradelt. Von Kunming aus geht es noch weiter bis nach Hongkong und dann zurück in die Heimat (www.lemondeagricole.fr). Bon Voyage Pauline et Arnaud!

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Ansonsten genoss ich das Nichtstun und die relaxte Atmosphäre in Kunming mit seinem leckeren Essen. Besonders als Vegetarier steht China ganz oben auf meiner kulinarischen Top Ten Liste. Schade ist manchmal nur, dass durch die Verständigung es nicht immer leicht fällt etwas vegetarisches auf den Teller zu kriegen. Am Sonntag fuhr ich dann mit Pauline und Arnaud zum Bahnhof. Das Velo konnte ich für einen Aufpreis mitsamt Gepäck im Güterwagon transportieren. Bei der Gepäckkontrolle wollte es der gelangweilte Wachmann genau wissen und fand irgend einen Gegenstand auf dem Bildschirm interessant. Nach einer Ewigkeit fand ich das, was er gesucht hatte; 2 Dosen mit Tomatensauce. Wir mussten alle lachen, als ich die Dosen aus den Taschen zog. Nachdem ich mich verabschiedet hatte von Pauline und Arnaud, stieg ich in den Zug nach Xi’an. Nach kurzer Zeit war ich in ein Gespräch mit 3 Chinesen verwickelt. Wir unterhielten uns bis tief in die Nacht hinein über China und die Welt. Interessant fand ich besonders, dass sie allesamt den Tourismus in China bemängelten. Beinahe sämtliche Attraktionen kosten viel Geld, doch wird nicht gerade viel unternommen um diese zu unterhalten. So ihre Ansicht. Man spürte deutlich eine gewisse Unzufriedenheit gegenüber ihrer Regierung. Nach 34 Stunden Zugfahrt kamen wir dann endlich in Xi’an an. Bald war eine Jugendherberge gefunden und ein muslimisches Restaurant.

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Diese gefallen mir besonders gut, da man dort meistens Speisekarten mit Bildern findet. Im Hostel lernte ich Auke aus Holland kennen, der für 4 Monate als Rucksackreisender durch Asien reist. Wir entschlossen uns am nächsten Tag gemeinsam die Terrakotta Armee zu besichtigen.
Die 1974 von Landarbeitern bei Xi’an entdeckte Grabstätte des Kaisers Qin Shihuangdi ist einer der bedeutendsten archäologischen Funde des zwanzigsten Jahrhunderts. Bereits im Alter von 13 Jahren (246 v. Chr.), kurz nach seiner Thronbesteigung, ließ der Kaiser mit dem Bau seiner Grabstätte beginnen. Während der 36 Jahre dauernden Arbeiten waren bis zu 700.000 Arbeiter gleichzeitig mit dem Bau beschäftigt. Auf einem mehrere Tausend Quadratmeter großen Areal wurde eine Grabkammer, geschützt von einer Armee lebensgroßer Tonsoldaten, der Tonsoldatenarmee (Terrakottaarmee), errichtet. Anders als die Grabstätte von Qin Shihuangdi wurden die Tonsoldaten in keiner der zeitgenössischen oder späteren Aufzeichnungen erwähnt. Ihre Entdeckung war deshalb selbst für die Fachwelt eine Sensation. Bisher wurden mehr als 3000 Soldaten und Pferde sowie mehr als 40.000 Waffen ausgegraben und restauriert, geschätzte weitere 5000 Figuren sind noch im Erdreich verborgen.

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Bereits an der Kasse wurden mir die Aussagen meiner Zugkameraden bewusst. Unverschämte 150 Yuan (ca. 25.-) verlangten sie an Eintritt. Die Besichtigung war für mich ziemlich enttäuschend. Die Hallen mit den Tonkriegern sind imposant anzusehen, jedoch mangelt es gewaltig an Informationen. Nur äusserst spärlich wird auf wenigen Informationstafeln über die Geschichte erzählt. Man fragt sich wirklich, wozu das ganze Eintrittsgeld verwendet wird. Vermutlich fliesst es in die Taschen von irgendwelchen Funktionären. Für die UNESCO finde ich so etwas persönlich eine Schande. Ziemlich enttäuscht fuhren wir wieder zurück in die Stadt. Dort verbrachte ich noch 2 erholsame Tage. Natürlich könnte man noch viel mehr besichtigen an diesem geschichtsträchtigen Ort. Die Geldgier der Chinesen hat mir aber die Lust dazu ein wenig verdorben. Besonders nach dem Erlebnis mit der Terrakotta Armee. Langsam verfolgt mich wieder die Hitze. So fahre ich nun weiter nach Pingyao. Über Neuigkeiten aus nah und fern freue ich mich immer wieder (info@grindimwind.ch). Bei höflicher Formulierung schreibe ich vielleicht sogar zurück.